Montag, 28. Februar 2011

Archimedischer Künstler: Attila Csörgö

    Im Werden: Hemisphere von Attila Csörgös   © jn-foto         
Mit der berühmten Naturweisheit der alten Griechen verhält es sich so: Der Philosoph heftet seinen Blick an den staunenswerten gestirnten Himmel über sich und kann die Augen von ihm nicht wieder losreißen. Ganz begreiflich, dass er versucht, im Firmament die Weltordnung zu erkennen. Irrtümlich nimmt er jedoch von vornherein an, sie, diese Ordnung, beziehe sich unmittelbar auf ihn selber. Weil dies nicht so ist, er den falschen Schluss aber nicht erkennen will, behilft sich er früher oder später und denkt sich etwas aus. Beweisen kann er seine Vermutungen nicht. Sie klingen jedoch wunderbar – und so bleibt es Philosophen-Brauch bis hin zu Platon, der neben anderem der Vollender des frühen Nachdenkens des abendlän-dischen Menschen über die Natur ist. Das warnende Beispiel, das bis heute Thales aus Milet angehängt wird, verhindert laufende Missverständnisse nicht. Das Pech des Thales: Er starrt hinauf zum Himmel, sieht den Brunnen zu seinen Füßen nicht und stolpert in die Tiefe. Seine Sklavin – er hat nur eine, und wahrscheinlich ist sie ihm auch im Bett zu Diensten, sieht zu, lacht sich scheckig und hilft ihrem pudelnassen Herrn und Meister wieder nach oben.[1]
Resultat: Hemisphere  © Katalog
Was passiert, wenn Platon einem modernen Künstler in die Synapsen schlägt, ist jetzt in der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle zu besichtigen. Es verblüfft, stimmt so wenig wie die ersten Reime, die sich der Homo sapiens auf das Weltall machte, und amüsiert ungemein. Allerdings ist der eingeschlagene Weg durchweg interessanter als das schließlich erreichte Ziel, zum Beispiel eine Käseglocke aus strahlendem Licht, genannt Hemisphere. Der Künstler heißt Attila Csörgö, die Ausstellung  Der archimedische Punktund beide verdienen, dass sie mehr Zulauf bekommen als die Pressekonferenz zur Eröffnung, die dem Künstler und seinen Kuratorinnen ersichtlich der Hamburger S-Bahn-Streik vermasselt hat.
Anders gesagt: Attila Csörgö aus Budapest, Jahrgang 1965, ist ein Tüftler hohen Ranges. Er bastelt nicht nur seine Motive, sondern auch seine Kameras selber zusammen, wartet ab, was das Zusammentreffen beider ergibt, und kreiert so seine Spielart von Zufallskunst. Beschreiben lässt sich sein Werk im Einzelfall nur äußerst mühsam, und zu verstehen wäre ein nachvollziehender Bericht über die Retrospektive auch bei größter Bemühung des Verf. um Verständlichkeit sehr wahrscheinlich nur noch mühsamer. Darum: Durchschlagen des Gordischen Knotens nebst entsprechendem Ratschlag als Hilfsmittel: Hingehen und selber gucken, wobei die Kenntnisnahme der hochgestochenen, zum Glück aber erfrischend ironischen Selbstauslegung des Künstlers unerlässlich ist. (Bis zum 15. Mai.)


[1] Platon Theaitetos 174 a, zit. nach: Luciano de Crescenzo, Geschichte der griechischen Philosophen – Die Vorsokratiker, Zürich (Diogenes) 1985, S. 34

Sonntag, 27. Februar 2011

Egon Klebe, Zeitungsfotograf

Der Fotograf Egon Klebe, fotografiert von einem 
                       unbekannten Fotografen                © Katalog
Wer etwas über den Fotografen Egon Klebe sagen will, muss Hinweise auf die Eigenart des Hamburger Stadtteils Bergedorf am Lauf des Flusses Bille vorausschicken. So knapp wie möglich: In Hamburg genießen die Stadtteile Altona, Harburg, Wandsbek und Bergedorf den Ruf, eigenartiger zu sein als etwa Harvestehude oder Barmbek, wobei Harvestehude eher die angestammte feinere Hamburger Art verkörpert und Barmbek die ebenfalls genetisch bedingte eher schlichtere. Der Grund für die Besonderheiten Altonas, Harburgs, Wandsbeks und Bergedorfs ist ihr verspäteter Beitritt zu Groß-Hamburg, den die Nazis 1937 vollzogen. Bis dahin war Bergedorf ein hamburgisches Gemeinwesen außerhalb der hamburgischen Grenzen gewesen, eine Art Kolonie. Am eigenartigsten aber war die Vorgeschichte:  Sie begann nach üblichem dynastischen Gerangel diverser Fürsten um Besitzansprüche damit, dass sich Rabauken aus dem Stamm der Herzöge von Sachsen-Lauenburg in Bergedorf auf die Lauer legten und vorüberziehende Hamburger und Lübecker Kaufleute drangsalierten und ausplünderten. Die Hanseaten buchten die Verluste eine Weile als politische Unkosten ab, dann schlugen sie zurück, besiegten anno 1420 die Wegelagerer von Geblüt und unterwarfen Bergedorf einer beiderstädtischen Verwaltung. Nun regierten hamburgische und lübische Beamte im Wechsel nach jeweils vier oder sechs Jahren Bergedorf. Wirtschaftlich klug war dies nicht: Die einen Besatzer sollten die Früchte der Arbeit der anderen ernten oder umgekehrt, was sich auf die Dauer mit kaufmännischem Geschäftssinn nicht vereinbaren ließ. Trotzdem kauften die Hamburger den Lübeckern deren lästige Ansprüche erst 1867 für 200.000 preußische Taler ab. Wie zuvor fristete die Kolonie Bergedorf auch weiterhin ein eher schlichtes als auskömmliches Dasein. Zur Hinterlassenschaft der wechselvollen Geschichte aber gehört das Bergedorfer Schloss – das einzige Schloss, das heute noch auf Hamburger Boden steht und das nicht nur dem Stadtbild ungemein zuträglich ist, sondern auch eine wichtige Funktion hat, denn es beherbergt das Museum für bergedorfische Geschichte. An dessen Wänden hängen seit Monaten Fotografien. Sie zeigen, was Egon Klebe, geboren 1920 in Bergedorf, Fotograf der Bergedorfer Zeitung von 1954 an bis zu seinem Tod 1982, in Bergedorf und Umgebung vor die Kamera gekommen ist.
Kein Gesicht ohne Geschichte, kein Straßenzug, keine Fassade. Der Mann hat gelernt hinzusehen, er hat den Blick für sprechende Momente, und in seiner Dunkelkammer holt er aus seinen Aufnahmen heraus, was in ihnen steckt. Ein Amateur wird, learning by doing, zum Profi und reift zum Meister heran.
BZ-Reporter jn, Mai 1954 bis 
April 1957 foto: Klebe(?)
Für den Zulauf von Prominenz nach Bergedorf sorgt der Mäzen Kurt A. Körber mit seinem Bergedorfer Gesprächskreis. Klebe fotografiert demokratische Intellektuelle von Rang, die Körber so schätzt, zum Beispiel Eugen Kogon, Himmlers Häftling in Buchenwald mit der Nummer 9093, nun als Autor des Buchs über den SS-Staat berühmt, des besten Buches, das es zu jener Zeit über den Staatsterror gibt.  Haile Selassie, Kaiser von Äthiopien, besichtigt  das neue Bergedorfer Bethesda-Krankenhaus. Klebe fotografiert den Kaiser. Axel Springer, vormals Volontär der Bergedorfer Zeitung, kauft den Verlag der Bergedorfer Zeitung und sucht unter den skeptischen Blicken der Seele der Redaktion, der Sekretärin Frau Martfeld, den Chefredakteur Karl Mührl auf. Klebe fotografiert den neuen Eigentümer. Der Theaterdirektor Friedrich Schütter (Junges Theater) zieht nach Boberg, Bezirk Bergedorf. Schütter war ehedem in Bergedorf HJ-Bannführer, aber er hat kapiert, was falsch war an der Naziherrschaft und was er selber falsch gemacht hat, und er sagt es. Klebe fotografiert den Altersgenossen. Niemand sieht ihm an, ob er weiß, wen er fotografiert und ob es ihn überhaupt interessiert, aber wenn er seine Bilder vorlegt, zeigen sie Leute, die aussehen, als kenne der Fotograf sie in- und auswendig.
Kindsrettung im Schlossgarben: Steht der Fotograf 
bis zum Kinn im Wasser?                                © Katalog
Leute, die Klebe kennt, Bergedorfer, prominente und weniger prominente, fotografiert er mit der gleichen undurchschaubaren Miene. Den Schützenkönig Miske mit Schützenkönigskette auf der Brust und umringt von einer fröhlichen Kinderschar. Den Bezirksamtsleiter Schaumann (SPD), in schlimmer Zeit Häftling im KZ Neuengamme, bei einer Amtshandlung in schon weit besserer Zeit. Den Schmied in der Schmiede bei der Arbeit an den Hufen eines Pferdes. Den Mann, der sich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlägt, weil  er sein Auto gegen einen Baum gefahren hat. Klebe fotografiert und fotografiert und fotografiert, und seine Fotos zeigen die Bergedorfer Welt, wie sie ist – eine an vielen Ecken kleinbürgerliche, tüchtige Welt mit einem Villenviertel, in dem die originellsten Villen abgerissen werden, eine Welt, die mehr und mehr zur gut geschmierten Wohlstandswelt heranwächst..
Katalog: 127 S., 17,90 €
Fazit: Wenn die Bergedorfer Olaf Matthes, dem Direktor ihres Museums und Kurator der Klebe-Ausstellung, nicht die Türen einrennen und ihm nicht jeden zutreiben, der laufen und Treppen steigen kann, gern auch Nicht-Bergedorfer, dann liegt es an den Bergedorfern, nicht an Matthes, und der verdiente Erfolg unterbleibt in erster Linie zum Schaden des Publikums, speziell zum Schaden des Verhältnisses der Zeitgenossen zur Zeitgeschichte.

Samstag, 26. Februar 2011

Bergedorfer Milieus 2001

26. Februar 2011
Wahlkampfrest auf Parkbank
Gestern: S-Bahnsteig 4 in Hamburg-Bergedorf gegen 10 Uhr 30. Temperatur: angeblich -7º; gefühlt, wohin der Ostwind kommt: -14 º. Der S-Bahn-Pilot in seinen geheizten Cockpit lässt sich Zeit. Gleich wird der Streik beendet sein, aber der Fahrplan ist bis zum Abend durcheinander, und die S-Bahn-Kundschaft ärgert sich. Das ist die Absicht der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer. Man achte auf das großgeschrie-bene Adjektiv Deutscher. Nur gemeinsam sind wir stark...
...en passant: Gast im Schlosscafé
Auch gestern: Das Politbarometer meldet, dass K.Th.z.G. wegen des Doktor-Schummels einen ganzen Prozentpunkt an Sympathie verloren hat. Mit der Kanzlerin ist der Verteidigungs-minister immer noch gleichauf. Was für ein Ärger für Angela M.! Ceterum censeo: Der deutschen Politik darf K.Th.z.G. nicht verloren gehen. Schon des Unterhaltungswerts wegen nicht.
 ...en passant: Machtkampf im Schleusengraben  
                                                                       © jn-fotos (3)            
Ebenfalls gestern: Ein Internet-Fragebogen will vom  Verf. wissen, welche Funktion er bei den Randbemerkungen ausübt. Mit Fragebogen scherzt man nicht. Der Verf. grübelt und fragt sich schließlich, was Karl Kraus geantwortet hätte. Der war bekanntlich Herausgeber, Redakteur und alles Mögliche sonst noch seiner Fackel. Der Verf. der Randbemerkungen ist bescheiden und trägt in seinen Fragebogen Chefredakteur ein. (Diese Rb. könnte tödlich sein. Es müsste nur einer schreiben: Der Kerl hält sich für Karl Kraus. Dies ist jedoch schon wegen des Kraus-Feindes und Verf.-Ziehvaters Willy Haas nachweislich nicht der Fall.)

Donnerstag, 24. Februar 2011

...wollt ein Freiherr ein Tänzchen wagen

Nicht-Definitives über Karl Theodor "ohne-Doktor“ zu Guttenberg 

Doctor philosophiae für Naturwissenschaft
Ein Beispiel aus alten Tagen: Die Dissertation über die Maldaniden-ausbeute des Forschungsschiffes Poseidon in Nord- und Ostsee, der Philosophischen Fakultät der Universität zu Kiel vorgelegt anno 1912*, überzeugte die Prüfer. Der Doktorand hatte geleistet, was Doktoranden zu leisten haben; er hatte Neues herausgefunden und es plausibel eingeordnet. Sein Stolz auf den Erfolg schlug sich nicht nur im selbstbewussten Dank an die Eltern nieder, die sich sein Studium und das von zweien seiner Geschwister vom Munde abgespart hatten; dieser Stolz sprach auch aus dem Spott des Naturwissenschaftlers über Mediziner und Juristen. Die Mediziner, sagte der Biologe Dr. Wilhelm Nolte gern, schrieben sich ihren Doktorhut zwischen zwei Portionen Kuchen im Café Rolfs am Kieler Schlossgarten zusammen, und die Juristen mussten nur an den Lippen ihrer Doktorväter hängen und alles nachplappern, dann bekamen sie die angebliche Würde nachgeworfen. Einen gewissen Respekt hatte der Zögling des einer Klostergründung im Jahre 1135 entsprossenen Gymnasiums zu Holzminden an der Weser, der  sein Latein und sein Griechisch bis zum Lebensende beneidenswert beisammen hatte, nur vor den Geisteswissenschaften, weshalb ich nie den Verdacht loswurde, dass mein Vater seine Diffamierungen von Knochenbrechern und Rechtsverdrehern im Grunde seines Herzens für die reine Wahrheit  hielt.** Seine eigene Wahrheit fing er auf Fischkuttern, die auf Nord- und Ostsee kreuzten, in Planktonnetzen ein, legte sie unters Mikroskop und zeichnete sie mit Skriptol auf Pergamentpapier aufs Säuberlichste ab – Kleinstlebewesen im Meer, eben Maldaniden und später Anneliden. Und wenn mein Erzeuger hätte erleben müssen, wie ich 1947 aus der Wissenschaft desertierte, wäre eine Vater-Sohn-Tragödie unausweichlich geworden. Sie ersparte uns der frühe Tod meines Alten Herrn, ein Schlag, der mich hart traf, aber nichts an meinem Entschluss änderte, ein Literat und kein Gelehrter zu werden                      .
Wissenschaft anno 1912, als noch kaum einer ahnte,
was da in Nord- und Ostsee schwamm   
© jn-foto (2)
Doch gerade wegen dieser noch nach Jahrzehnten leb- und leidhaften Erinnerung an einen familiären Konflikt kann ich dem Sohn Karl Theodor von und zu Guttenberg nachfühlen, dass er seinem Vater Enoch von und zu Guttenberg den Gefallen tun und ihm als nachweisbarer Akademiker vor Augen treten wollte. Dann wurde daraus ein bisschen viel Arbeit und ein Tanz auf verschiedenen Hochzeiten, und dann ist es passiert...
Wer sagt nun, was recht und rechtens und richtig ist? 
Dr.W.N. mit jn 1936
© jn-archiv
Akademiker und Nicht-Akademiker haben so gut wie alles zum Thema gesagt. Trotzdem umwittern uns weiterhin Geistesblitze und fliegen uns Fundstücke um die Ohren. Zum Beispiel steuert Ingrid Schäffner, Leserbriefschreiberin aus Offenburg, aus dem 8. Kapitel von Fontanes Irrungen und Wirrungen den köstlichen Dialog zweier Offiziere über einen Kameraden bei, der sich in der Kriegsschule mit einer hervorragenden Arbeit einen Platz im Generalstab verdient haben soll: »Übrigens habe ich noch eine (...) Nachricht. Afzelius kommt in den Generalstab.« - »Welcher?« - »Der von den Ulanen.« - »Unmöglich.« - »Moltke hält große Stücke auf ihn, und er soll eine vorzügliche Arbeit gemacht haben.« - »Imponiert mir nicht. Alles Bibliotheks- und Abschreibesache. Wer nur ein bisschen findig ist, kann Bücher leisten wie Humboldt oder Ranke.«
Nicht ganz so geistreich, aber mindestens ebenso den Nagel auf den Kopf treffend, bietet sich ein anderes literarisches Werk an – Wilhelm Meyer-Försters Alt-Heidelberg, eine Herz und Nieren ergreifende Schnulze, die nach ihrer Uraufführung 1901 Jahrzehnte lang immensem Erfolg hatte. Sie war dermaßen beliebt, dass unzählige deutsche Knaben nach dem  rührseligen und doch standesbewussten Helden Karl Heinrich, Erbprinz von Sachsen-Karlsburg, auf den Namen Karlheinz, wahlweise Karl-Heinz, getauft wurden.
In der zweiten Szene des Schauspiels will sich ein Staatsminister mit einem kühlen Guten Morgen, meine Herren von Untergebenen verabschieden, aber einer von ihnen, ein gewisser Herr von Metzing, hält ihn auf:
Metzing: Gestatten, Exzellenz, wenn man von einem Glückwunsch reden darf – Seine Durchlaucht der Erbprinz hat am gestrigen Vormittag das Reife-Examen für die Universität in einer so glänzenden Weise bestanden, – und, wenn man so sagen darf: gewissermaßen unter den Auspicien Euer Exzellenz, – dass Euer Exzellenz wohl ergebensten Glückwunsch gestatten.
v. Breitenberg (Kollege Metzings): Ich bitte gleichfalls –
Staatsminister: Ja, es war ein – e – sehr gutes Examen, jawohl.
Metzing: Summa cum laude, wie man hört?
Staatsminister: Jawohl, sehr – e – durchaus entsprechend – ja.
Metzing: Seine Durchlaucht wird nunmehr die Universität zu Heidelberg besuchen...
Staatsminister: Ganz recht, Seine Durchlaucht reist bereits morgen.
Metzing. Ah, das ist sehr interessant.
Breitenberg: Sehr...
Staatsminister: Guten Morgen, meine Herren. (Er geht ab.)
Metzing (zu Breitenberg): Wissen Sie, wer mitgeschickt wird? Nach Heidelberg?
Breitenberg: Hm?
Metzing: Der Doktor. Der Jüttner. Der Schulmeister. Der dicke Mensch.
Breitenberg: Na ja. Wer sollte denn sonst...
Metzing: Wer? Mein lieber Breitenberg, ein Kavalier! Wenn Seine Durchlaucht die Hochschule bezieht, gewissermaßen zum ersten Mal in die Welt hinaustritt, so hat ihn kein Schulmeister zu begleiten, sondern ein Kavalier! Der mit exakter Sorgfalt jeden Schritt in der korrekt vorgeschriebenen Weise leitet. Das ist meine Ansicht!
Breitenberg: Na ja...
Metzing. Das ist meine Ansicht...
Karl Theodor zu Guttenberg hat den Bayreuther Doktor erst einmal summa cum laude eingeheimst, und wäre ihm das Malheur nicht unterlaufen, hätte ihm der Titel ewiglich zur Zierde gereicht. Das wirft kein gutes Licht auf die Alma Mater. Wenig imponierend schnitten auch jene Kritiker ab, die gestern reflexartig im Parlament den Minister skalpieren wollten. Zumindest ahnen sie, dass sie ein gefährliches Spiel spielen, falls sie sich seiner tatsächlich entledigen wollen. Denn tun sie es, werden sie nicht nur beträchtliche Wählerscharen verärgern; den Abgeordneten selber würde der Mann fehlen, von dessen Glanz ein Abglanz noch auf hinterste Hinterbänke gefallen ist.
Suche nach einem verloren Text
Einen unleugbaren und durch nichts zu ersetzenden Vorzug hat der Doktortitel freilich: Er erspart  seinen Inhabern die pflichtgemäße Reaktion Bitte ohne Doktor, zu der wir Nicht-Promovierte uns gezwungen sehen, wenn uns jemand, der vermutet, wir hätten Anspruch darauf, mit Herr Doktor anredet.
Übrigens: Ohne dass es gelingen will, sie zu entern, segelt mir eine weitere literarische Erinnerung durch den Kopf:  Durchlaucht, gerade eben flügge, geruhen, sich einem Rigorosum unterziehen zu lassen. Der Prüfer  befleißigt sich, königlicher Hoheit nicht nur ein mundgerechtes Thema zu unterbreiten; beim geringsten Zögern des fürstlichen Kandidaten steht der Professor bereit, ihm die Antwort auf die Zunge zu praktizieren. Der hochkarätige Scherz kann aus den letzten Tagen des zweiten deutschen Kaiserreichs stammen, vielleicht aber auch, als Nachhall, aus der Feder eines der Meister der kleinen Form in den berühmten Zwanzigern des Jahrhunderts der Schrecken.
Hilft mir jemand auf die Sprünge?

* Eine naturwissenschaftliche Fakultät, die den Dr. rer. nat. verliehen hätte, gab es noch nicht.
** Ich verpfändet mein Ehrenwort für die Wahrheit meiner Behauptung, dass ich die lästerlichen Reden meines Vaters wahrheitsgemäß wiedergebe. Vor allem erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen, an das Schild vor der Tür der Praxis des Kieler Dermatologen und Hitlerjugendarztes Dr. med. Sch. Solche Akademiker gab es 33/45 offiziell, und immer, wenn ich meinen Vater zum Freitagnachmittagstee in Holst´s Hotel am Schlossgarten begleitete und der Blick Dr. phil Wilhelm N.s auf das Praxisschild Dr. med. Sch.s fiel, waren der sichernde Griff nach dem Monokel und die Bemerkung fällig: „Der Herr hat seine Dissertation auch im Café Rolfs geschrieben.“

Dienstag, 22. Februar 2011

WHAT A WONDERFUL WORLD

Laura in Kolumbien                                  © jn-archiv
            
Brief an eine Enkelin:
Hallo Laura,
deine Bilder aus Kolumbien sind prima. Einige sehen ganz nach Meisterwerken aus. What a wonderful world: Du hast dich eben in Kolumbien herumgetrieben, dein Vetter Solomon soll trotz Erdbeben in Neuseeland vor Mitschülern einen Vortrag über Deutschland halten (Daumendrücken!), deine Cousine Jule holt sich in Rom die höchste Punktzahl in einem Examen, deine Schwester Paulina ist mit einer Freundin auf einem Trip nach Tel Aviv zu einer Hochzeit, und dein Vetter Robin fährt in den Dolomiten Ski. Nur deine Schwester Louisa und dein Vetter Maurus sind zufällig zu Hause.
Wir ganz Alten sind glücklich über eure Chancen in dieser meschuggenen Welt

Umarmung Opa
Tusch!   

Quellenüberblick

Befreiungsschlag:  Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg hat gestern beschlossen, sein weiteres Dasein ohne weiteren Vornamen zu verbringen, und verzichtet auf den Doktortitel.

Gaddasconi

Ein Herz und eine Seele - noch unscharf...     foto: jn-Archiv
Der Blick des Westens schärft sich unter den Blicken der Welt. Heute so, morgen so? Oder was sonst? – Nur der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi weist seinen Außen-minister Franco Frattini an, sich in Brüssel unvermeidlichen Einsichten  zu verschließen.

Montag, 21. Februar 2011

Chronistenpflicht

Morgenlektüre am 21. Februar 2011              © jn-foto      
Der Chronistenpflicht wegen, auch in Würdigung des Beweises, dass die Volksherrschaft in der Hansestadt lebt – und weil der Mensch vergisst, was er nie vergessen zu können meint: das vorläufige amtliche Wahlergebnis der Hamburger Bürgerschaftswahl vom 20. Februar 2011, das heute morgen in aller Munde ist:
"48,3 Prozent erhält Olaf Scholz nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis der Zweitstimmen-Auszählung bei der Hamburger Bürgerschaftswahl, nach Sitzen also die absolute Mehrheit. Die CDU kommt nur auf 21,9 Prozent und räumt bereits kurz nach der ersten Prognose ihre Wahlniederlage ein." (Deutschlandfunk, 21.2.2011, 7 Uhr 10).
Fast peinlich, darauf hinzuweisen, dass der SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz alle Zweifler Lügen gestraft hat, auch den Bengel Welke (Rb. vom 15. Februar, s. u.).

Freitag, 18. Februar 2011

Freundschaftlicher Rat

Mein Freund GG: Ein gutgemeinter Rat, übertreib es nicht mit dem immer-nur-FAZ-Zitieren...
Ich: Habe ich doch erklärt. Siehe Quellen(selbst)kritik, Randbemerkung vom 13. Februar. Uwe Johnson und Gesine Cresspahl und die New York Times...
GG: Weiß ich. Trotzdem. Es wird zu viel. Und das war die New York Times. Die war unschlagbar. Damals war sie es jedenfalls.
Ich: Ich denkt drüber nach.
GG: Tu das.

Kairos*

Nur 3 Sätze über unser aller Baron und seine Kairophobie**
1.)  Der Mann kann seine Doktorarbeit nicht selber geschrieben haben; für den Patzer in der Einleitung ist er wirklich zu intelligent.
2) Leute mit Doktorhut können nur beten, dass niemand ihren akademischen Einstand genauer unter die Lupe nimmt.
3.) Leute wie ich, die sich zum Entsetzen ihrer Familie vom Busen der Alma Mater losgerissen haben, kaum dass sie an ihm lagen, halten besser auch den Mund.

*Es ist mir leider nicht gelungen, den Beitrag Der Kairos war an einem anderen Tag aus der FAZ von gestern zu verlinken; darum der Hinweis auf dem altertümlichen Weg der Fußnote.
 ** Kairophobie ist in der Psychologie die Situationsangst. Ein Kairos ist im allgemeinen ein günstiger Zeitpunkt, in der Religion auch der Augenblick der Entscheidung zwischen Glauben und Unglauben. 

VHH (2): Haltestelle

Warten an der VHH-Haltestelle                       © jn-foto


Was Leute so reden...

HH-Fahrgast zu VHH-Fahrgast: „Die Haltestelle kommt hier wieder weg, wenn der neue Busbahnhof fertig ist.“
Bedauern des anderen: „Das ist die schönste Haltestelle, die die VHH jemals gehabt hat.“
Der erste Fahrgast: „Und praktisch. Zwischen Kirche, Haspa und CCB. Besser geht es nicht.“
„Und wenn du mit der Bahn anreist, gehst du durchs neue Einkaufszentrum und bist sofort hier.“
„Grüner Tisch!“
„Wie bitte?“
„Grüner Tisch. Die entscheiden alles am Grünen Tisch, und der Fahrgast ist der Dumme.“
„So ist es.“
Sämtliche Sachauskünfte ohne Gewähr. Wird fortgesetzt.

Aphrodite

Aphrodite, garantiert winterfest,
in Nachbars Garten.
Ich sehe nur ihren
liebreizenden Rücken.

Die Künstlerin in* wünscht sich
für unser Anwesen
einen Dionysos.

15. Februar 2011
* Ungeschickte Finger haben das Link, das hier zur Website der Malerin und Papierkünstlerin Irmgard Pony Nolte führen sollte, oder die Seite selber beschädigt. Zugang oder Seite sollen so rasch wie möglich repariert werden.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Kieler Semmel

Kieler Semmeln
Ranga Yogeshwar, Beweis auf zwei Beinen für den Segen der Zuwanderung, hat eine Wissenschaftssendung in der bei ihm garantierten Güte abgeliefert. Thema: Die Geschichte des Brotes. Ich habe den Beitrag genossen und viel gelernt. Nur: Warum soll ich mein Schwarzbrot, pardon: mein Rheinisches Vollkornbrot, nicht im Kühlschrank frischhalten? Ich habe es versucht, es klappt, und ich werde ich dabei bleiben, solange mir Yogeshwar keine einleuchtenden Gegengründe nachliefert.
Ferner: Habe ich die Sendung zu spät eingeschaltet, oder fiel da kein Wort über die trostlose Qualität der meisten Brötchen von heute? Ich träume noch immer von den Kieler Semmeln aus der Stadtbäckerei meiner Kindheit am Alten Markt. Dort habe ich sie schon bei meinem letzten Besuch vor Jahren  nicht mehr bekommen, sondern nur ein enttäuschendes Surrogat. Inzwischen finde ich den Traditionsladen nicht einmal mehr im Telefonbuch. (Nach Internet-Recherche: Eine Lübecker Firma gleichen Namens hat die Kieler Stadtbäckerei übernommen und dann an einen anderen Brotladen verkauft - zweifellos ein unfreundlicher Akt gegen die Kieler Bevölkerung.)
Semmeln auf Rädern 
 fotos (2): passader-backhaus.de
Tröstlich zu erfahren, dass es in Passade am Passader See noch einen Bäcker gibt, der allen Ernstes Kieler Semmeln anbietet.  Doch sie müssen auch dann frisch sein, wenn eine Meisterhand den traditionellen Geschmack trifft.  Und jeden Morgen zum Semmelnholen nach Passade?

Fratelli d´Italia...

Morgenlektüre, 16. Februar 2011       © jn-foto
 
    

Bis zu seiner letzten Zeile als FAZ-Korrespondent zu Rom konnte sich Heinz-Joachim Fischer nicht genug tun im Lob der seltsamsten Herrschenden am Tiber. Heute, 17 Monate nach Fischers Abschied in den Ruhestand, bricht der FAZ-Heraus-geber Günther Nonnenmacher, noch auf Zehenspitzen, aber wohl endgültig, mit dieser Linie. Auf der ersten Seite seines Blattes steht neben einem Bild des großen Führers von Nordkorea Kim Jong-il im Kreise uniformierter Gespielinnen Nonnenmachers Leitglosse mit der Überschrift Berlusconis Agonie. Tusch: Fratelli d´Italia...

Dienstag, 15. Februar 2011

Nachträglich: Plakate, Welke

Kreuzt die Griffel!                                                                                        © jn-foto
Als mein Beitrag Politprominenz am Straßenrand – hilfreich? gestern  im Netz stand, ist mir in den Kopf geschossen, dass ich vergessen hatte, auf die Plakate der Grünen einzugehen. Nach-dem ich die Ursachen des Versäumnisses analysiert habe, stellen sie sich mir so da: Die Grünen muten uns die langweiligste Straßenpropaganda der Saison zu. Den Ausschlag muss aber mein Gerechtigkeitsgefühl gegeben haben, denn Strafe hat zweifellos verdient, wer dem nunmehr flüchtigen Bürgermeister Ole von Beust die Bettdecke aufgeschlagen hat, als der sich seinerzeit mit seinem Partner an der Macht verzankt hatte, mit dem Richter Ronald Gnadenlos Schill, dessen Rabulistik die Hamburger aus Verdruss über ihre politische Klasse aufgesessen waren.
Bengel aus Bielefeld
Oliver Welke
foto: jn-archiv
Nachträglich hat mich zudem gestört, dass Oliver Welke in seiner Wahlsatire Wadde wähle dudde da? aufs Eifrigste Vertrautheit mit Hamburg vortäuschen wollte und die Weltstadt prompt mit ihrem Vergnügungsviertel St. Pauli verwechselte. Nun ja, einem Bengel aus Bielefeld kann so etwas passieren.

Natur im Anmarsch

Priel im Wattenmeer

NDR info: Ein Priel wühlt sich im Wattenmeer auf eine Bohrinsel zu. Die Bohrleute, befürchten, dass die herandrängenden Wassermassen das Ding aus Stahl zu Fall bringt. Der Kollege im Radio übermittelt die Neuigkeit in fließendem Beamten-deutsch. Er sagt, das Wattenmeer sei eine geschützte Landschaft im Naturpark an der Küste Schleswig-Holsteins. Zuständig für die Rechtmäßigkeit des Bauwerks sei die Bergbehörde in Kiel. Ich schlage nach: Die Bergbehörde kann Bergverordnungen erlassen. Die höchste Erhebung im Bundesland Schleswig-Holstein ist der ostholsteinische Bungsberg: 168 m über NN. Ist Schleswig-Holstein in Wahrheit Absurdistan?

Politprominenz am Straßenrand – hilfreich?

Er will. Er wird. Wird er?                                    foto: spd

Der Mann, der Sonntag die Wahl gewinnen will und dem es, wie alle vermuten, auch gelingen wird, sieht nach Meinung des Modekritikers Guido Westerwelle nach Peek und Cloppenburg aus. Zum Ärger seiner Gegner aber stören die schlichte Art und das biedere Auftreten des Kandidaten das Wahlvolk so gut wie gar nicht. Die Hamburger lieben die Unauffälligen und die Tüchtigen, und Olaf Scholz ist einer von ihnen. Sein Hauptgegner, der gegenwärtige Erste Bürgermeister Christoph Ahlhaus, hingegen ist ein Quiddje. Mag sein, dass in Hamburg inzwischen mehr Zugereiste leben als Eingeborene, aber auch die meisten derer, die hier Obdach gefunden haben, halten sich binnen Kürze für stammverwachsen. Dem Kandidaten Scholz wird es aller Voraussicht nach nützen.

Eideshelferin Merkel                © jn-foto
Die Kanzlerin, den Hamburger Hauptbahnhof im Rücken, hat den Blick auf die Kunsthalle gerichtet, wo gerade der Reiz der Unschärfe von Gemälden und Fotografien ergründet wird. Nun beweist das CDU-Plakat, dass sich das Phänomen der Bilder von Gerhard Richter und den Richteroiden (Randbemerkung vom 11.Februar, siehe unten) auch durch Bildschärfe erzielen lässt: Der Betrachter sieht sich herausgefordert, die Distanz zu ermessen, welche zwischen dem klaren, jugendfrischen Abbild auf dem Plakat und der Miene der reifen, sichtlich leidgeplagten Politikerin von heute liegt. Dass auf dem Plakat der Name Angela Merkel fehlt, ist vermutlich Absicht. Welche, bleibt offen. Angela Merkel heißt jedenfalls nicht Christoph Ahlhaus, während der Halbsatz „Und Christoph Ahlhaus Erster Bürgermeister“, sprachwissenschaftlich eine Ellipse, denkbar ungeschickt in der Luft hängt.
Eideshelfer Gysi                                       © jn-foto
Gregor kommt – stimmen wir die Internationale an und fallen uns, jeder jeden duzend, in die Arme... Gregor Gysi von den Linken haben wir auch schon betrübter gesehen. Am Billwerder Billdeich, in einer Gegend, in der nach dem Zweiten Weltkrieg noch Jahre lang schwarzweißrote Fahnen gehisst wurden, soll er nun der Zukunft eine Bresche schlagen. Nie wieder die Ohren hängen lassen, Gregor!
Ein Pirat namens Ecke                     © jn-foto
Prominent oder nicht: Piratenpartei nennen sie sich, was aufgeweckt und munter klingt. Doch es handelt um eine Gruppierung von Freibeutern, denen nicht viel mehr einfällt, als anderer Leute geistiges Eigentum zu plündern. Tröstlich nur: Dieser nicht unbeleibte Kandidat mit Schlips, Kragen und Klabautermann-Kinnbart sieht wirklich nicht so aus, als könnte er Rahen entern, und die Gorch Fock steht für einen Crashkurs wohl erst im Mai zur Verfügung. Wahl ist aber schon am nächsten Sonntag.
Und ewig lockt die Frau            © jn-foto
Die Kommunikationsberaterin Katja Suding ist nicht nur Mutter zweier Söhne, sondern auch aller Hoffnungen der Hamburger FDP. Ihrer Partei, in Hamburg öfter draußen vor den Türen der Macht als drinnen im Rathaus, droht an Alster, Elbe und Bille der Kollaps, wenn sie abermals scheitert. Doch Kaja Suding lässt sich´s nicht verdrießen, und so sieht sie auch aus: im Beruf erfolgsverwöhnt und dennoch ungemein weiblich. Ob oder gegebenen Falles wie sich die Sympathieskalen bei Frauen und Männern  unterscheiden, weiß ich nicht. Indes: Niemand kann so wunderbar von Frau Suding schwärmen wie der Kabarettist Albrecht Humboldt bei Welke. Falls der Beitragverpasst wurde, empfehle Ich dringend den nachträglichen Genuss von WADDE WÄHLE DUDDU DA.

Montag, 14. Februar 2011

Vollzug

Es ist gut gegangen in Dresden. Die Polizei hat Gedenk-Demokraten und Nazi-Rüpel am 13. Februar auseinandergehalten. Von mir aus hätte die rechte Kohorte gern etwas auf die Deckel bekommen können – sofern ihre Marschierer über Körperteile verfügen, auf die sich Kopfbedeckungen setzen lassen.

Sonntag, 13. Februar 2011

Quellen(selbst)kritik*

Wieland Försters Johnson-Büste in Güstrow foto: jn-Archciv

Anruf meines Kollegen und Freundes Gerhard E. Gründler: „Ich schick dir mal was aus der Süddeutschen. Du liest es ja sonst nicht.“ Hilfestellung und Tadel zugleich. G.G. missbilligt, dass ich nur noch das Morgenblatt aus Frankfurt gründlich studiere und mich im übrigen damit begnüge, spiegel-online, einschließlich der Inhaltsangaben in Heute in den Feuilletons, durchzuflöhen und mir bei Bedarf die Originalbeiträge aus dem Netz zu holen oder sie mir am nächsten Kiosk zu besorgen, was noch ein flüchtiger Blick in die Bergedorfer Zeitung  ergänzt, falls ich früher aufstehe als meine Nachbarn, die BZ-Abonnenten Annette und Gunnar B., und sie sich das Blatt nicht schon gegriffen haben. Was G.G. geschickt hat, war selbstverständlich interessant. Darauf ist bei ihm Verlass. Leider habe ich vergessen, worum es sich handelte.
Ein schlechtes Gewissen habe ich wegen der selektiven Arbeitsweise nicht. Erstens bin ich kein Redakteur mehr, sondern Pensionär. Zweitens bin ich auch sonst hinreichend mit Lesen beschäftigt. Drittens will ich noch dazu kommen, selber ein paar Zeilen abzusondern. Und viertens: Hat nicht Uwe Johnson die drei Bände seines Jahrestage-Romans mit den Lesefrüchten aus einer einzigen Zeitung, der New York Times, imponierend unterfüttert? 
Beiseite gesprochen: Einige Autoren lese ich grundsätzlich nicht, zum Beispiel den Schlauberger Fritz J. Raddatz, der seinerzeit Zeter und Mordio geschrien hat, als Tilman Jens, jung, wie er war, im Februar 1984 in in Sheerness on Sea/England, in Johnsons Selbstmordklause eingebrochen war und beschrieben hatte, was dort vorzufinden gewesen war – bis heute das Lehrbeispiel eines sagen wir: zwar übers Ziel hinausschießenden, jedoch nicht von Grund auf amoralischen journalistischen Eifers, wie Moralhüter vom Schlage des Kollegen Raddatz auf der Stelle überzeugt waren.
Wunderbare Zeiten im Feuilleton! Heutzutage muss der Kulturteil auf Biegen und Brechen versuchen den Politik- und Wirtschaftsressorts auf deren Gelände den Rang abzulaufen, wenn er noch zur Kenntnis genommen werden will...
Bis hierhin und nicht weiter. Alte Leute sollen nicht von alten Zeiten schwärmen. Und zur Aufmunterung die beiden ersten Sätze von Johnsons Roman Jahrestage – Aus dem Leben von Gesine Cresspahl: „Lange Wellen treiben schräg gegen den Strand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen. Der straffe Überschlag, schon weißlich gestriemt, umwickelt einen runden Hohlraum Luft, der von der klaren Masse zerdrückt wird.“
Schöner geht es nicht – ich vermute, nicht nur für Töchter und Söhne der Ostsee.
* Die Überschrift lautete ursprünglich Zeitung lesen, Romane lieben- ein Geständnis. Sie missfiel mir vom ersten Moment an.
jn, 13. Februar 2011