Donnerstag, 31. März 2011

Porträts in Serien - Gesichter eines Jahrhunderts

Eine der beiden Kuratorinnen lässt sich auf der Pressekonferenz entschuldigen; die Pressechefin des Hauses ist ebenfalls nicht anwesend. Die Honneurs macht stellvertretend die Direktorin, eine erklärte Generalistin. Zum Glück übernimmt die Mit-Kuratorin von der kooperierenden Niedersächsischen Sparkassenstiftung die Einführung und macht ihre Sache ausgezeichnet. Die Abwesenheiten müssen nicht mehr bedeuten, als dass da zwei Mitarbeiterinnen in Urlaub oder krank sind und dass die Direktorin pflichtgemäß einspringt. Dummer Weise ist die Lage der Kunst in Hamburg so geartet, dass wir überall Unrat wittern.
Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe bietet Orientierungs-hilfe im Tsunami, mit dem die Lichtbildkunst mittlerweile über die Welt der Bilder hinwegfegt. Die Ausstellung Portraits in Serie – Fotografien eines Jahrhunderts kann sich nicht nur sehen lassen, sie lehrt darüber hinaus, was die Fotografie sich selber  antut, wenn sie in Serie geht.
Irving Penn: Der Boxer Joe Louis                        
Nicht dass sie ihr Thema auch nur annähernd ausschöpfte – das brächte kein Kuratorenteam der Welt zuwege, aber gezeigt wird, was mit Bildern passiert, wenn sie mit mehr oder minder ins Auge springender Verwandtschaft des Inhalts oder der Form zueinander in Beziehung treten: Sie beleben ein Thema neu, oder besser: Sie fächern es auf. Wir sehen buchstäblich mehr, als wir in denselben Bildern wahrnehmen könnten, wenn sie niemand zusammengehängt hätte. Der ausgedroschene Begriff Spannung tritt wieder in Funktion. Ein Beispiel: Irving Penn porträtiert den gelassen in einer Ecke ausruhenden Boxer Joe Louis. Auf dem Foto daneben hockt der hauptberufliche Ästhet Truman Capote so unbequem wie möglich oben auf einem Stuhl – als hätte ihn die Angst vor dem Champion auf die Lehne gejagt. Nicht dass uns einfiele, der Boxer könnte den empfindsamen und zugleich unsäglich eitlen Autor der Grasharfe und des Frühstücks bei Tiffany´s tatsächlich bedrohen, beileibe nicht. Aber diese zwei Zeitgenossen nebeneinander liefern einen köstlichen Aspekt der großen menschlichen Komödie unmittelbar vor dem Moment, in dem sie ins Tragische umschlägt.
Irving Penn: Truman Capote
Gegenbeispiel: Roni Horn fotografiert x-mal das ungeschminkte Gesicht  Isabelle Hupperts. Die Lippen der Schauspielerin sind leicht geöffnet oder geschlossen, die Stirn ist glatt oder leicht gerunzelt. Mehr Unterschied fällt kaum auf. Aber dieses fast gleiche Gesicht weckt schier unweigerlich die Lust, eine passende Geschichte zu erfinden, und nackt, wie es ist, ist es schön..
Undsoweiter. Die berühmten Porträts der Meister des Genres, die Menschenbilder, die uns August Sander und Stefan Moses beschert haben, beweisen auf den ersten Blick, dass sie völlig zu Recht berühmt sind. Frühe Arbeiten des nachgewachsenen Thomas Ruff leuchten weniger ein. Der Versuch des Meisterschülers, die Individualität seiner Kollegen auf der Akademie  gewissermaßen wegzufotografieren, war ganz gewiss ein Holzweg. Aber auch das fällt ins Kapitel Spannung – ins Kapitel Spannung zwischen den Fotos von lauter Individualisten der Zunft.
Mir fällt einer ein, dessen Atelier nur einen Steinwurf vom Museum für Kunst und Gewerbe entfernt lag. Dieser zeit seiner Karriere in Geschichten und Gesichter, am Ende aber in Bäume und Blumen vernarrte Fotograf Wilfried Bauer, ein schweigsamer Arbeiter im Weinberg der Fotografie, der die besten Bilderblätter belieferte, hortete in seiner Werkstatt jedes Foto, das aus seiner Kamera stammte, sofern es seinem selbstkritischen Blick genügte. Eine Serie reihte sich an die andere. Ende 2005 sollte Wilfried Bauer sein Quartier im Hamburger Stadtteil St. Georg räumen. Der Grund war banal. Das Haus war vom Schwamm befallen. Doch der Fotograf verzweifelte am Versuch, die Kisten und Kasten mit seinem Lebenswerk fortzuschaffen. Am Ende goss er Terpentin auf den Bohlen, zündete seine Werkstatt an und sprang aus dem Fenster. Die Bilder waren ihm über den Kopf gewachsen.
Roni Horn: Die Schauspielerin Isabelle Huppert
Soviel über die Leidenschaft von Fotografen für ihre Kreationen, wobei auch in dieser Tragödie die Frage offen bleibt, ob das Auge des Fotografen oder das Stück Wirklichkeit, das er ablichtet, die Qualität ergibt. Diese Frage ist falsch gestellt. Es geht um beides.
Museum für Kunst und Gewerbe (MKG): Porträts in Serie - Fotografien eines Jahrhunderts. Kuratorinnen: Gabriele Betancourt Nuñes, Ulrike Schneider. Vom 1. April bis zum 17. Juli 2011

Dienstag, 29. März 2011

Blick aus der Tram oder Das Heldendenkmal

Held am Schwarzenbergplatz            foto:jn-Archiv
Helm und Schild
im Glanz der Märzsonne.
Was soll die Pracht
uns sagen?
Des Sowjethelden Ruhm
sei unvergänglich,
der Traum vom Sieg
der Siege unverzichtbar?
Oder steht da nur
ein herausgeputztes
Überbleibsel der
Geschichte?

jn, 26. März 2011

Montag, 28. März 2011

Sakrilege oder Der Gott der Philosophen

Der Versuch, die Epoche der Aufklärung nachzuerzählen, und zwar eher auf literarische als auf wissenschaftliche Manier, ist weder schwieriger noch leichter zu bewältigen als das Unterfangen, andere verflossene Epochen zu vergegenwärtigen - genau genommen, ist das Wagnis wie stets zum Scheitern verurteilt. Philipp Blom, Jahrgang 1970, Journalist mit allerersten Adressen, lässt sich trotzdem darauf ein, und dies mit beträchtlichem Erfolg. Nachdem er, sattelfest in den Details, zum Wichtigsten, zum Verhältnis der Aufklärer zu Gott, vorgestoßen ist, bricht er zur Reise zu den umliegenden Dörfern auf und verliert etwaige Ziele aus den Augen. Der Schaden hält sich in Grenzen. Das Buch bleibt spannend zu lesen, und zu erfahren gibt es bis zum Schluss genug.
Denis Diderot, Regisseur der Aufklärung
foto: jn-Archiv
Aus der Encyclopédie: „Sacrilegium ist ein Wort, das aus sacra & legere gebildet wird & bedeutet, heilige Dinge an sich reißen oder entwenden. Sakrileg ist also der Diebstahl von heiligen Gegenständen; wer sie raubt, heißt sacrilegus... Das Wort Sakrileg wird auch in der Heiligen Schrift gebraucht; denn so wird dort die Handlung bezeichnet, durch welche sich die Israeliten, die den madianitischen Töchtern gefallen wollten, zur Anbetung des Baal verleiten ließen (4 Mose 25,18). Da die Sakrilege gegen die Religion verstoßen, muss die Bestrafung der Schuldigen einzig & allein aus dem Wesen der Sache selbst abgeleitet werden; sie muss in der Entziehung der Vorzüge bestehen, welche die Religion verschafft, in der Vertreibung aus den Tempeln, dem zeitweiligen oder ständigen Ausschluss aus der Gemeinschaft der Gläubigen, der Vermeidung des Umgangs mit ihnen, der Verabscheuung, der Verdammung, der Verfluchung. Aber wenn der Richter das heimliche Sakrileg erforschen will, so führt er die Untersuchung über eine Handlungsweise durch, die eigentlich gar keiner Untersuchung bedarf; er hebt die Freiheit der Staatsbürger auf, indem er gegen sie den Fanatismus des ängstlichen & des kühnen Gewissens ins Feld führt. Das Übel entsprang aus der falschen Auffassung, dass man das göttliche Wesen rächen müsse; aber man muss dafür sorgen, dass das göttliche Wesen verehrt wird, & soll es niemals rächen...“
Für den letzten Satz lässt der Verfasser die Respektsperson Montesquieu bürgen, den Autor des Geistes der Gesetze, und der Hinweis auf dessen monumentales Werk ist nicht die einzige Vorsichtsmaßnahme, die Louis de Jaucourt trifft. Einer der emsigsten  Mitarbeiter  an der Encyclopédie Denis Diderots und Jean d´Alemberts hatte zwingende Gründe, darauf hinzuwirken, dass die „Bestrafung der Schuldigen“ auf die „Entziehung der Vorzüge der Religion“ zu begrenzen sei. In der Rechtspraxis seiner Tage nämlich barg es noch immer erhebliches Risiko, Zweifel an Gottes gütiger Allmacht auszusprechen. Wenn es schlimm kam, musste ein Untertan Ludwigs XV., des vorletzten Königs des Ancien Régime in Frankreich, nicht nur damit rechnen, dass ihm der Scharfrichter die Zunge durchbohrte und sie ihm an den Gaumen heftete. Er musste darauf gefasst sein, dass ihm der Henker das Sprechwerkzeug aus dem Mund riss und ihm anschließend den Kopf abschlug. Dass Herrschaft selber zum Verbrechen erklärt werden konnte, lernten die Franzosen dann bekanntlich ziemlich abrupt, als die Jakobiner den sechzehnten Ludwig, den Enkel und Nachfolger des fünfzehnten, auf die Guillotine schickten.
400 S., 24,90 Euro          
Doch das Problem, das die Köpfe der Aufklärung mit Gott hatten, überstieg bei weitem die Schwierigkeiten, die ihnen die Strafandrohung bereitete, denn nur wenige von ihnen brachten es fertig, die Religion aus ihren Vorstellungen radikal zu verbannen. Umso erstaunlicher, dass der heftigste philosophische Angriff auf das Christentum aus der Feder eines Dorf-priesters in den Ardennen stammte: Dieser Abbé Jean Meslier (1664-1729) verfasste, hinter der verriegelten Tür seiner armseligen Studierstube, in einsamer Verlassenheit, aber voller Mitleid für die namens der Religion geschundenen und darbenden Mitmenschen eine 500-Seiten-Anklage gegen die Kirche. Zu seinem Glück wurde seine Streitschrift erst nach seinem Tod entdeckt. Andernfalls hätte er grausam für schlichte Sätze wie diese leiden müssen: „Wisset, meine lieben Freunde, dass alles, dass jeder Kult und alle Verehrung von Göttern nichts ist als Irrtum, Missbrauch, Illusion, Lüge und Betrug; dass all die Gesetze und Bestimmungen, die im Namen Gottes oder anderer Götter veröffentlicht werden, nur menschliche Erfindungen sind, genau wie die schönen Spektakel und Feste und Opfer und alle anderen Bräuche zu seinen Ehren“ (Blom, S.120).
An Mesliers Text müssen sich die berühmtesten und die gescheitesten philosophes des lumières messen lassen, ob sie nun Voltaire, Rousseau, Diderot, d´Alembert  oder Baron d´Holbach hießen. Am leichtesten machte es sich Voltaire. Aus seinem mit Geldgeschäften finanzierten goldenen Exil nahe Genf ließ er wissen: „Ich will, dass mein Advokat, mein Schneider und sogar meine Frau an Gott glauben, denn ich bin überzeugt, dass ich dann weniger oft bestohlen und betrogen werde“ (S.123). Anders gesagt: Wer Gott fürchtet, klaut seltener silberne (oder goldene) Löffel, was für den Eigentümer von Wertsachen zweifellos von Vorteil ist. Am anderen Ende der Skala der Glaubensungewissheit kann  der Paranoiker Rousseau  „den Gedanken an ein gottloses Universum einfach nicht ertragen“. Rousseau schreibt an Voltaire: „Nein, ich habe in diesem Leben zuviel gelitten, um nicht ein anderes zu erwarten. Alle Spitzfindigkeiten der Metaphysik werden mich auch nicht nur einen Moment an der Unsterblichkeit der Seele zweifeln lassen; ich fühle es, ich glaube es, ich will es, ich hoffe darauf, ich werde es (diese Überzeugung) bis zum letzten Atemzug verteidigen“ (S.163). So allerdings spricht keiner, der nie zweifelt.
Wie gesagt, Philipp Blom gefällt sich als Verfasser von Belletristrik, aber er schöpft aus dem Vollen. Die Entscheidung, wo auf dem Terrain zwischen den Zeilen des Abbé Meslier und den Gedanken Voltaires und Rousseaus, vor allem aber wo bei den Herausgebern und den Autoren der Encyclopédie sowie bei den Gastgebern und Gästen der berühmten Salons der Epoche, die Wahrheit  zu suchen sei, bleibt uns, den Lesern, überlassen. Da nun einmal der Impuls zur Aufklärung dem Willen zur Freiheit entspringt, lässt sich dagegen kaum etwas einwenden.

Freitag, 18. März 2011

1 woche pause
verf. bittet um verständnis    
In dringenden fällen: 0174 690 5063

Kriegszustand

Prayers and a Boy                      washington post
By Karen DeYoung an Colum Lxynch – Thursday, March 17, 10:33PM
ALL NECESSARY MEASURES
The United Nations on Thursday authorized the use of “all necessary measures” to protect civilians in Libya, opening the door to air and naval attacks against the forces of leader Moammar Gaddafi as he vowed to level the city of Benghazi, the last major rebel stronghold...
Schwere libysche Artillerie                         spiegel online
SICHERHEITSRAT BILLIGT MILTÄREINSATZ
Flugverbotszone, Luftangriffe und andere erforderliche Maßnahmen zum Schutz von Zivilisten: Der Uno-Sicherheitsrat hat massive militärische Aktionen gegen Libyen beschlossen. Der Einsatz von Besatzungstruppen bleibt aber tabu. Fünf Länder, darunter Deutschland, enthielten sich der Stimme.
New York - Die Resolution sieht ein militärisches Eingreifen in Libyen vor. In dem Text wird die internationale Gemeinschaft ermächtigt, eine Flugverbotszone einzurichten und "alle notwendigen Maßnahmen" zum Schutz von Zivilisten zu ergreifen. Dazu gehören auch Luftschläge. Der Einsatz einer Besatzungstruppe wird dagegen ausgeschlossen. Die Uno-Mitgliedstaaten dürfen auch individuell handeln...

Zweiundzwanzig Minuten vor Mitternacht MEZ meldet am 17. März 2011 Spiegel-online, dass sich der Weltsicherheitsrat in New York zum Eingreifen in den Völkermord Muammar Abu Minyar al-Gaddafis an den Libyern durchgerungen habe. Zwecks Einordnung des Ereignisses könnten sich Kommentaren die folgenden Zitate aufdrängen.
Zum Thema Krieg:
's ist Krieg! 's ist Krieg!

O Gottes Engel wehre,

Und rede Du darein!

's ist leider Krieg –

und ich begehre

Nicht schuld daran zu sein!
           Matthias Claudius (1774)
Ich bin froh, aber noch ist es nicht vorbei.
           Libyscher Twitterer, unmittelbar nach Bekanntwerden der Entscheidung am East River
Zur Frage, ob die Entscheidung zu spät oder gerade noch rechtzeitig gefallen sei, bevor Gaddafi vollendete Tatsachen geschaffen habe:
Der große Mann eilt seiner Zeit voraus,

der kluge kommt ihr nach auf allen Wegen.

Der  Schlaukopf beutet sie gehörig aus,
 
der Dummkopf aber stellt sich ihr entgegen.
           Eduard von Bauernfeld (1802 – 1890) in den Xenien
Merke: Bauernfelds Schauspiel lässt sich mit dem vorhandenen politischen Personal der Republik mühelos besetzen, und zwar auf jedem Niveau der Theaterkunst und bis in die letzte Bank mehrfach

Mittwoch, 16. März 2011

Sklavensprache

Weltuntergang, japanisch
Die Medien der Welt melden sich im Minutentakt. Die Katastrophe ist da. Schläft Johannes Hano vom ZDF eigentlich zwischendurch? Summa summarum: Es ist grässlich, und die Menschheit muss endlich begreifen, dass es beim Restrisiko auf das Risiko ankommt und nicht auf den Rest. Linguistisches Stichwort: Komposita sind bestens geeignet, Manipulationen zu bewerkstelligen. Im Weiteren: Man achte auf die Tücken der Sklavensprache. Die Sklaven sind die Politiker, die Herrschaft übt das Kapital aus. Der alte Marx lässt grüßen. Aber unterscheiden wir pflichtgemäß: Die Demutsgesten des japanischen Ministerpräsidenten Kan Naoto wirken verblüffend ehrlich, die der Manager des Betreibers der Fukushima-Meiler sind dagegen ein übler Witz. Passend zum gebügelten Blaumann, in dem sie zur Pressekonferenz erscheinen. Kein Mensch glaubt ihnen auch nur ein einziges Wort – mit Ausnahme vielleicht der unglaublichen Japaner, aber in deren Seele gewinnt ja ohnehin kein westliches Auge Einblick.
Was tun?
Wer bin ich, dass ich es wissen soll?
Nachfrage: Zu wem beten die Japaner eigentlich, wenn sie so artig die Handflächen zusammenlegen. Zu den Ahnen, die sich in einem angenehmeren Jenseits aufhalten? Oder zu Kannon? Dieser Kannon ist kein Fotoapparat, sondern eine der Verkörperungen Buddhas (bodhisattwa). An ihn wenden sich die Gläubigen, wenn sie um Gnade flehen oder um einen weisen Rat verlegen sind. Er beschützt Kinder, Schwangere und tote Seelen. Manchmal hat er tausend Arme, manchmal auch nur zwei (Buddhistische Mythen, in: Mythologie, hg. v. Roy Willis, im Taschen Verlag, Köln 2007, S. 123). Ich würde es zuerst mit den Ahnen versuchen.

Dienstag, 15. März 2011

Uns klogen Peter-Harry C.

Kloger Peter-Harry C.
foto: landtag.ltsh.de
.
Zwischen dem Kernkraftwerk Krümmel und meiner Haustür liegen 19,9 Straßenkilometer. Mit VHH-Bussen brauche ich für die Strecke, einschließlich zweimaligem Umsteigen sowie einem zu Fuß zurückzulegenden Restweg, etwa eine Stunde. Mit dem PKW dauert die Fahrt über die A25 laut Google-Maps 22 Minuten. Nuklearer Auswurf ist weder auf Busse noch auf PKW angewiesen, und die Zeitspanne für meine Flucht wäre zweifellos zu kurz, wenn in Krümmel der Reaktor in die Luft ginge. Darum bin ich Peter-Harry Carstensen, dem Ministerpräsidenten des Bundeslandes Schleswig-Holstein, ausdrücklich dankbar, dass er den nach diversen Pannen stillliegenden Meiler nicht wieder anlaufen lassen und auch darauf dringen will, „dass der Betreiber auf das Wiederanfahren verzichtet“, was offenbar zweierlei ist. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Atomminister Norbert Röttgen wollen in Schleswig-Holstein bisher nur das altersschwache AKW Brunsbüttel schließen. Sie sollten auf den Landesfürsten Peter-Harry C. hören und seine Auffassung in die Tat umsetzen, denn er ist, Krümmel betreffend, was man im Land zwischen den Meeren nen klogen Kirl nennt.

Beneidenswert

Beneidenswert ahnungslos hocken
Gimpel und Gattin auf kahlen
Zweigen der japanischen Kirsche.
Selig sind die geistig Armen,
was ja schon Mat Fünfdrei wusste.

Montag, 14. März 2011

Literaturfrühjahrssaison 2011

Gaddafi und die japanische Apokalypse haben es geschafft: Noch nie seit meinen ersten Auftritt als Literaturredakteur in Frankfurt/M im Jahre 1959 hat mich eine Buchmesse so wenig gelockt wie die Leipziger in diesem Jahr. Dabei sind die Höhepunkte meiner Leidenschaft für Buchmessen Merkpunkte meiner Biografie. Beispiele: 1967 will die geballte Apo mit Daniel Cohn-Bendit an der Spitze den Stand der Welt der Literatur auseinandernehmen; ich kann die Mannen und Maiden der Weltrevolution jedoch erstaunlicher Weise besänftigen, und der Stand steht noch, als sie abziehen. Ein halbes Jahr später fordern mich in Leipzig Mielkes Leute auf, die DDR stehenden Fußes zu verlassen. Die Begründung: Ich habe den Arbeiter- und Bauernstaat beleidigt, als ich mir herausnahm, den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR mit dem Überfall Hitlers auf die Tschechoslowakei zu vergleichen. Gleichgültig aber, ob die Messen gesteigerten Unterhaltungswert hatten oder eher langweilig waren, sie waren mein Ding. Entweder ich fuhr hin, oder ich beobachtete sie sorgfältig von weitem. Diesmal? Mich kümmert der Literaturfrühling 2011 nicht.
Ohne Ausnahme?
Das dann doch nicht. Im Vorfeld ist ein Versuch geeignet, Aufmerksamkeit für Dichtung zu wecken – der doppelte Versuch des Dichters und Literaturwissenschaftlers Dirk von Petersdorff, Jena, und des Wissenschaftsforschers Michael Hagner, Zürich,  dem Buch Gehirn und Gedicht von Raoul Schrott und Arthur Jacobs auf den Grund zu kommen (Hanser, München 2011, 544 S., 29,90 €). Schon die Überschriften – bei Petersdorff  Der Reim kann bleim, bei Jacobs Alle Neuronen im Schrank?* –versprechen Genuss, und dass Raoul Schrott mit von der Partie ist, kitzelt die die Neugier noch  – jener Schrott, der anno 2008 kurzentschlossen Troja von  der Ebene der Troas nach Kilikien verlegt hat, mit nichts als höchstpersönlichem Augenschein als Argument. Nun also widmet er seinen Einfallsreichtum Neuronen und Synapsen.
Die Literatur fordert in der Frühjahrssaison 2011trotz allem ihr Recht? Sie versucht es. Viel Hoffnung, dass sie sich durchsetzt wird, sollten wir uns nicht machen. Gaddafi, Erdbeben, Tsunami und Atomcrash sind schwer auszustechen.
*Alle Neuronen im Schrank?, FAZ 59/2011 vom 11. März, S. 34, im Netz leider nicht verfügbar

Kommt Ostern ganz bestimmt?

Ein Fenster voller Eierlikör*: Das Leben geht weiter, Ostern kommt bestimmt... Geht das Leben weiter? Kommt Ostern bestimmt? Die Menschheit lernt gerade, dass geschehen kann, was sich fünf Minuten vorher niemand vorstellen konnte. Der Philosoph Karl Popper war längst im Bilde. Ungefähr: Ein deduktiver Satz, das ist: der Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere, ist nur dann gültig, wenn es keinen Gegenbeweis gibt. Und: Ein allgemeines Kriterium der Wahrheit gibt es nicht. Ferner: Ohne Intuition kommen wir nicht aus. Intuition kann jedoch auf optischer Täuschung beruhen. Geht die Sonne morgens auf? Nein, unser Fleck Erde wendet sich der Sonne zu. Und: Unsicher ist, ob die Sonne morgen überhaupt „aufgeht“, obwohl sie bisher immer „aufgegangen“ ist. Guten Morgen!
© jn-foto: Schaufenster der Weinhandlung von Have in 21029 Hamburg

Sonntag, 13. März 2011

Wer zieht denn da am Draht?

Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“ – Friedrich Schiller im Prolog zu Wallensteins Lager,  Uraufführung  in der Regie des Prinzipals Goethe am 6. November 1798 im Hoftheater zu Weimar.
Schillers Satz über die schnöde Vergesslichkeit des Publikums gilt immer noch, obwohl sich das Versinken von Schauspielern in unbekanntes Dasein durch die ständige Wiederholung von Fernsehproduktionen heutzutage etwas hinauszögert. Für Journalisten ist das Gesetz Aus den Augen, aus dem Sinn (Volksmund) hingegen uneingeschränkt in Kraft. Wieso auch nicht? Wie der Name sagt, schreiben Journalisten für den Tag, und Zeitungen von heute dienen morgen zum Einwickeln von Heringen. Besser: Sie dienten. Dieses Präteritum  verdanken wir vermutlich Gesundheitsbehörden, welche die Einschlagen von Fischwaren in Druckerzeugnisse verboten und für diesen Zweck die Verwendung von Klarsichttüten vorgeschrieben haben. Wie dem auch sei, der Wandel der Zeiten dringt in den letzten Weltwinkel, und selbstverständlich hat er auch jene Instanzen erfasst, die dazu erfunden wurden, das Publikum und Presseleute hinters Licht zu führen. Früher hießen sie Pressestellen, neuerdings Pressecenter oder Pressetreffs, und unsereins kann erleben,  dass diese Einrichtungen nicht mehr mit hauseigenen und selbstredend dem eigenen Haus verpflichteten Journalisten besetzt sind, was früher die Regel war, sondern dass die von einer Serviceplan Gruppe betrieben werden.
Der Pressetreff des ZDF zum Beispiel ist eine Einrichtung dieser Art. Er beschreibt seine Tätigkeit so: „Neben den Pressemitteilungen zum Unternehmen finden Journalisten weitere Informationen und Pressemitteilungen zum Programm und seinen Machern im Pressetreff-online.“ Was trotz elend stumpfer Sprache wohl dazu aufrufen soll, vorgefertigte Versatzstücke zu verwenden.
Der Journalist aber, der meint, er könne mit Pressecentern oder Pressetreffs umgehen wie früher mit den Pressestellen, schneidet sich in den Finger. Die Vorgehensweise Anrufen oder ein paar Zeilen schicken, Antwort bekommen oder sich Ausflüchte anhören, aus der sich mit etwas Glück ein einigermaßen berechenbares Vertrauensverhältnis entwickeln konnte, ist passé. Statt dessen hat der Auskunft begehrende Journalist, und wäre länger als ein halbes Jahrhundert im Beruf und tatsächlich nicht ganz unbekannt geblieben, erst einmal einen Fragebogen auszufüllen, und ob er Gnade vor den gestrengen Augen der Service Plangruppe findet, ist höchst ungewiss. Die Plangruppe  nämlich teilt dem sehr geehrten User womöglich mit, Voraussetzung bedient zu werden, sei eine sei „regelmäßige Berichterstat-tung“ über das ZDF, für die „auch ein evtl. Presseausweis allein noch kein Nachweis“ sei.
Der User dankt und verweist auf Goethes Götz und dessen Antwort  auf die Frage, ob er ein Hundsfott sein wolle: „Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Mit wem redet Ihr! Bin ich ein Räuber! Sag Deinem Hauptmann: Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab’ ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich...“ Wie vielleicht erinnerlich, fällt der Fluch im Urgötz von 1771/73 um einiges gröber aus. Goethe selber hat ihn dann abgemildert. Ich kokettiere mit feiner Art und lasse es mit der späteren, der artigen Fassung mit ihren Auslassungszeichen genug sein.

Samstag, 12. März 2011

Sätze des Tages

„Die Ordnung ist nicht mehr in Ordnung.“
Carsten Germis, „The Big One“ über die Katastrophe in Japan, FAZ vom 12. März 2011, S.3
„Es gibt für den Westen im Fall Libyens nur gefährliche Optionen.“
Günter Nonnenmacher, „Das Risiko des Westens“, FAZ vom 12. März 2011, S.

Damit du länger lebst auf Erden

ich halte es für möglich, das mit der beigefügten Satire, auf die ich zufällig beim Surfen im Netz gestoßen bin, die Pfizer Deutschland GmbH und ihr Medikament Inspra gemeint sind.
Mit freundlichen Grüßen...
Wochenration                      jn-foto
Um einen Klassiker auszu-beuten: "Ich nehme keine Sprina! Nein! / Ich nehme diese Sprina nicht!“ Denn: Sprina, laut Hersteller „der erste selektive Aldosteron-Blocker zur Behandlung der Herzinsuffienz“, 100 Stück für 323,12 Euro, macht müde, und zwar schon gleich nach dem Frühstück. Du dämmerst bis zum Abend vor dich hin, schleichst erschöpft ins Bett, schläfst wie ein Stein und wachst zerschlagen wieder auf. Positiv ausgedrückt: Sprina schaltet dich auf Spargang, und du lebst länger.
Ich sage voraus: Die Repfiz Pharma GmbH in 10785 Berlin wird behaupten, dass ich ihr Wundermittel Sprina verleumde, und mir einen Prozess androhen. Ich werde Vermutungen über den zu erwartenden Streitwert anstellen, einen Blick auf mein Konto werfen sowie mir von meiner Rechtsschutzversicherung sagen lassen, dass sie für mutwillige Verleumdungen nicht einstehe. Daraus werde ich den Schluss ziehen, dass ich mir einen Prozess gegen Repfiz nicht leisten könne. 
Folglich werde klein beigeben und erklären, dass die von mir verzeichneten negativen Wirkungen von Sprina nicht zu verzeichnen seien, sondern ich sie mir nur eingebildet habe, was ich nachträglich bedauere.
Für diesen Fall gebe ich auf dem Vorweg eine persönliche Erklärung ab:  Es wäre mir lieber, in Nachrufen auf mich stünde, dass ich plötzlich und unerwartet aus erstaunlicher, wenn auch zuweilen überzogener und wenig altersgemäßer Aktivität gerissen worden sei, als dass nach meinem Ableben zu lesen wäre, in letzter Zeit sei es still um mich geworden, und mein Lebensabend habe ganz im Zeichen von Ruhe und Weisheit gestanden, in welcher Umschreibung leicht eine Dementia senilis zu erkennen wäre.
Kaspar Redivivus, 25901 Suppendorf

Freitag, 11. März 2011

Vom wahren Leben

Morgenlektüre am 11. März 2011              jn-foto
Um 05.20:29 Uhr am 11. März 2011, 53°2933.42´ N – 10°13´34,30´E (Bett): Es ist dunkel. Ich bin wach, habe aber kein Thema im Kopf. Folglich wüsste ich nicht, warum ich aufstehen sollte. Andererseits weiß ich, dass sich die Stimmung durch längeres Liegenbleiben nicht verbessern lässt. Ich treffe die fällige Entscheidung und stehe auf, um das Bad aufzusuchen, in halbwegs hergerichtetem Zustand das Frühstück vorzubereiten und die Zeitung hereinzuholen. Ich vertrödele die Zeit, weil ich keine Lust habe, im Dunkeln oder bei künstlichem Licht zu frühstücken. Um 6.15:03 Uhr setze ich mich im Wintergarten (53°29´33,33´N – 10°13´34,30´E) an den gedeckten Tisch und schneide die untere Hälfte eines im Heizgerät aufgetauten, noch angenehm warmen Gefrierbrötchens in drei annähernd gleichgroße Teile. Das erste Stück beschmiere ich mit P.s selbstgemachter Marmelade, das zweite mit Roquefort, das dritte mit rustikalem Camembert. Ich stelle zufrieden fest, dass ich die richtige Menge Kaffee mit der richtigen Menge Wasser aufgebrüht habe. Um 06.21:43 Uhr herrscht endlich Büchsenlicht und ich greife nach der Bergedorfer Zeitung.
Der Kollege André Herbst informiert mich über Planspiele in Sachen Gastronomie auf der Fußgängerbrücke, welche den alten Flügel des CCB mit dem neuen verbindet. Die Ballung von vier Bewirtungsbetrieben, so bemängelt der Hamburger Oberbaudirektor Prof. Jörn Walter, könnte den Blick auf das Schiffwasser Serrahn verstellen. Interessanter ist die 13-Zeilen-Meldung der Kollegin Christine Rückert rechts daneben: „Mann liegt zwei Stunden verletzt am Straßenrand“. Ärzte vermuten, dass irgendwer den 46-jährigen zusammengeschlagen habe. Entdeckt hat ihn schließlich eine Autofahrerin. Er ist bei Bewusstsein, ist aber außerstande, sachdienliche Aussagen zu machen.
Was mir um 06.54 Uhr entgeht: „Ein starkes Erdbeben erschüttert weite Teile Japans (zwischen 45°31´22´´N / 141°5611´´E und 20°25´18´´N / 136°5´17´E). Bewohner Tokios laufen in Panik auf die Straße. Die Behörden geben umgehend eine Tsunami-Warnung aus...“
Wieviele Menschen tot oder verrletzt sind, ist noch nicht bekannt. In einem einem Atomkraftwerk herrscht Angst vor einer Kernschmelze.
Vorsorgliche Anmerkung: Ich habe nicht die Absicht, die Kollegen Christine Rückert und André Herbst anzuschwärzen. Erstens war ihre Zeitung fertig, bevor in Japan die Erde bebte, und zweitens ist ihr Job die Berichterstattung über Bergedorf, und die ist schwer genug. In Bergedorf müssen sie die Nachrichten vom Straßenpflaster kratzen, und wenn etwas tatsächlich einmal interessanter wird, tappen sie auch schon zwischen Indiskretionen und Parteinahmen herum. Das kommt, weil jeder jeden kennt und alle alles schon vorher wissen.
Hier geht es um etwas anderes: Was Leben, was Wahrheit?
Oder: Was ahnt der Mensch von dem, was in der Welt passiert, wenn er sich zum Frühstück setzt?

Donnerstag, 10. März 2011

Bahners lässt loben

Patrick Bahners lässt loben. Wen? Sich selber! Der FAZ-Sitzredakteur für das Feuilleton, ein blitzgescheiter Mann, gelernter Historiker und Philosoph, manchmal etwas naseweis, aber durchweg ein glänzender Schreiber, hat ein Buch abgeliefert: Die Panikmacher: Die deutsche Angst vor dem Islam. Untertitel: Eine Streitschrift. Erschienen bei Beck in München. Also ist zunächst anzunehmen, dass es sich um einen ernstzunehmenden Text handelt. FAZ + Beck – das hat was. Gelesen habe ich das Opus noch nicht, weswegen ich, was meine Meinung über B.s Polemik angeht, auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten muss. Gelesen habe ich darüber jedoch im von Bahners verantworteten Feuilleton der FAZ von heute zwei Spalten rauf und runter (Man wird doch mal hetzen dürfen, FAZ 58/S.29.) Worüber? Über die Panikmacher! Und wie findet der Rezensent das Buch des Redakteurs? Weltbewegend und vom ersten bis zum letzten Wort richtig... Die Panikmacher – das sind die anderen: die Islamophoben Thilo Sarrazin, Ayaan Hirsi Ali, Necla Kelek, Henryk M. Broder & Gesinnungsgenossen. Der Islam aber ist etwas Liebes. Mag sein, einige Muslim, vor allem die Islamisten, verstehen ihn falsch und richten mit ihren Missverständnissen Unsinn und Schlimmeres an. Christenmenschen, Juden und Gottlose aber haben trotzdem die Pflicht, sich mit der Religion Mohameds wohlwollend auseinanderzusetzen. Der Autor der Hagiographie: Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, in Wien lebend, Co-Autor des Buches, das Fühlend sehe ich die Welt heißt. Dann fühlt man schön!

Aus der Façon: Daniel Cohn-Bendit?

Lieber Daniel Cohn-Bendit,
in dem Interview, das Sie gestern abend im Heutejournal Marietta Slomka gegeben haben, ist Ihnen buchstäblich die Seele durchgegangen. Trotzdem haben Sie die Frage, ob der Westen den Himmel über Libyen kontrollieren und so Gaddafi daran hindern soll,  das eigene Volk zu bombardieren, auf den Punkt gebracht. Ihr Vergleich der Luftwaffe des Herrschers im Wüstenzelt mit Görings Gespenstern aus dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936/39 erledigt die  Gegenargumente. Für Ihre politische Leidenschaft haben Sie meinen höchsten Respekt.
Ihr Jost Nolte
Biografische Anmerkung: Der Verf. ist seit dem 5. Februar 1945 bekennender Pazifist. Jener 5. Februar war der Tag, an dem ein Scharfschütze der Roten Armee den Siebzehnjährigen auf einer verreisten Straße hinter Pyritz/Hinterpommern aus dem Verkehr zog und so seine Karriere als Offiziersanwärter bei den Schwarzen Husaren des Reiterregiments 5 beendete. Inzwischen gibt der Verf. längst zu, dass Pazifisten die Augen nicht vor der laufenden Weltgeschichte verschließen dürfen und und eine Einschränkung ihrer Friedensliebe anerkennen müssen: Wenn sie bei der Wahrheit bleiben wollen, müssen sie einräumen, dass Kriegseinsätze das allerletzte Mittel sein können, Mensch und Menschenbild zu retten
Tusch: Gespenstermarsch

Mittwoch, 9. März 2011

Kleibers Kunststück

Der Kleiber läuft
die Eiche rauf und
runter. Der Stieglitz
auf der Birke staunt
nicht schlecht.
Moral: Was einer kann,
das kann der andere
noch lange nicht.
Anmerkung: Thilo Sarrazin lässt grüßen. Es muss wohl doch unterschiedliche Gene geben.

Völkermord

Spiegel-online, 09.03.2011, 08:52: „Barack Obama öffnet sich für eine Flugverbotszone über Libyen: Bei einem Telefonat mit Briten-Premier Cameron diskutierten beide offen über diese Option. Noch aber schreckt der Präsident vor einem Alleingang der USA zurück - und erbost damit nicht nur politische Gegner...“
Zeit-online, 05.10.2010, 19:13: Zuschrift von Kleinempfänger, einem Stammleserbriefverfasser des geschätzten Blattes: “Unsere christlich-jüdische Tradition... – In den letzten paar Monaten ist mir schon mehrmals diese Kombination aus den Reihen der CDU aufgefallen... Ob der Islam zu unserer Kultur gehört sei mal dahin gestellt, aber gehört das Judentum in einer Weise zu unserer Kultur, dass eine explizite Nennung sinnvoll ist, wenn es darum geht diese zu charakterisieren? Wenn das Judentum in diesem Zusammenhang genannt wird, was ist dann mit anderen, beispielsweise nicht explizit religiösen, Einflüssen auf unsere Kultur? Wie kommt man in diese privilegierte Position?“
Abgesehen von der jüdischen Heimat Europa, an der weder Anne Frank noch Albert Einstein Zweifel hatten: Mit Bibeltexten kann der Homo occidentalis allen christlich-jüdischen Wurzeln zum Trotz dem Menschenschinder Muammar al-Gaddafi schwerlich beikommen. Es gibt, im Gegenteil, gewisse Verwandtschaften der Weltreligionen, die freilich quellenkritisch – was gilt zu welcher Zeit für wen? – differenziert sein wollen. Rein theologisch betrachtet, sieht es wohl so aus: Nicht nur Allah ist ein kämpferischer Typ, auch Jahwe, der Gott Israels, ruft schon mal zum Völkermord auf (4. Mose 21, 34-35). Und die Feindesfeindschaft des Allmächtigen schlägt selbst bei jenem Rabbi durch, der dann zum Segen der Menschheit die Feindesliebe gepredigt hat. Verwechselt Jesus von Nazareth  doch seinen Freund Petrus, der ihm einen gutgemeinten Rat gibt, mit dem Erzfeind: „Tritt hinter mich, Satan! Du bist für mich eine Ursache des Strauchelns, weil du nicht Gottes Gedanken denkst, sondern die der Menschen.“ (Mat 16, 21-23). Andererseits betrifft Mitgefühl in der Bibel nur die eigenen Leute – auch an den Ufern von Babylon (Psalm 137).

Dienstag, 8. März 2011

Aschermittwoch 2011

    Herr Doktor Klapperbein     © Illustration: Maurus Jacobs   
Alljährlich:
Herr Doktor Klapperbein
nimmt die Clownsnase
aus dem Gesicht und ist
wieder der, der er ist
und zu sein hat.

VHH: Zwischenmenschliches


Missmut in den Gesichtern der Fahrer der VHH im HVV (siehe: Bus aus Altersgründen, Rb. vom 12. Februar). Wie es aussieht, verabscheut einer wie der andere von ihnen das Experiment, das in den nächsten Wochen in den Hamburger Bezirken Bergedorf und Harburg läuft und das die Ehrlichkeit der Fahrgäste zum Gegenstand hat. Beschreibung: Nur noch vorne beim Fahrer einsteigen, Fahrkarte vorzeigen, erst dann Platz suchen. Denn: Bis zur Vorwoche durften wir den Bus auch durch die mittlere oder die hintere Tür betreten; wieviele von uns sich ohne Tickett durchgemogelt haben, konnten Kontrolleure nur unzulänglich ermitteln. Mit dem laissez-faire, sagt die VHH, muss endlich Schluss sein; es geht zu sehr ins Geld – ganz begreiflich. Doch für die Fahrer der VHH bedeutet die  neue Regelung eine zusätzliche Belastung. Sie müssen nun nicht mehr nur den Bus durch den Verkehr bewegen, sie müssen auch Aufsicht führen. Daher  die vergrätzten Gesichter. Leider schlägt ihre seelische Verfassung auf die Stimmung im Bus. Unter übergeordneten Gesichtspunkten: Der Umgang der Fahrer mit den Fahrgästen steht für menschliches Verhalten auf beengtem Raum; die Frage nach der Auswirkung zusätzlicher Belastung darf ebenso wenig außer Acht bleiben wie jene grundsätzliche nach Ordnung und Unterordnung.

Pausenunterbrechung (2)

Bundeswirtschaftsminister Brüderle ruft auf den Benzingipfel. Wir hören ihn reden – oder wir hören Welke, wie er Brüderle zitiert, und lachen uns scheckig. Aber wir haben auch über Ludwig Erhard gelacht.
Kein Wort mehr über Stuttgart 21! Harald Schmidt hat das Definitive gesagt.
K.Th.z.G.s Doktorvater und der zweite Gutachter sagen: Sie hatten noch keinen Computer, der ihnen melden konnte, dass der Doktorand abgeschrieben hatte. Offenbar hatten die Herren auch keinen Kopf, der sie irgendetwas ahnen ließ.
Der FAZ-Leser Hans-Günter Kowalski, Bad Honnef, macht darauf aufmerksam, dass die Verdienste Reiterei im (Zweiten) Weltkrieg unterschätzt werden (FAZ, 56/2011, S. 6). Herr K. geht allerdings nicht darauf ein, dass die Stolper Husaren (Kav.-Rgt. 5, Ärmelband Generalfeldmarschall von Mackensen) noch Ende Januar 1945 gegen die Panzer der Roten Armee ausgeritten sind. (Ich war dabei.)

Montag, 7. März 2011

Privatim

Pausenunterbrechung:
es ist bekanntlich ein Vergnügen, sich mit einem intelligenten Zeitgenossen zu streiten. Also: Sie springen dem frischgebackenen Innenminister Friedrich bei, was christlich ist, weil er es bitter nötig hat, und sagen: „Das interessierte Publikum wartet immer noch auf Belege für das, was an der Minister-Aussage falsch sein soll. Wartet auf jede Menge Beweise für die historische gewachsene islamisch-christlich-deutsche Identität.“ Nun will es der Zufall, dass ich just zum gegenteiligen Resultat gelangt bin – ich bitte um Pardon, dass ich mich selber zitiere: „Herr Friedrich hat da etwas im Geschichtsunterricht verpasst: Die Türken standen sowohl 1529 als auch 1683 vor Wien. Richtig ist, dass die Christenmenschen die Krieger Mohameds beide Male nach Hause gejagt haben. Jetzt sind die Türken trotzdem wieder da. Keine Historie?“ (Rb. Neue Minister, neue Sitten vom 5. März 2011.) Natürlich ist uns beiden klar, dass wieder einmal der Wörter Blendwerk den Ausschlag gibt: Geschichte, Kultur, Identität – das rutscht vergnüglich durcheinander, und am Ende kann jeder sagen, dass er recht hat, und darf die anderen für dämlich erklären. Ich fände es vielleicht unterhaltsamer, wenn es nicht um Herrn Friedrich ginge... Übrigens: Herrn Erdogan kann ich auch nicht ausstehen.
Herzlich Ihr jn
Ps: Meine Frau ist mal wieder Ihrer Meinung.
Am 06.03.2011 um 18:07 schrieb Matthias Matussek: Erdogan ist doch genau das, was die Rechten brauchen... Ihr MM
Postwendend jn : Klar. 1 Pott und 1 Deckel, sagte meine Oma immer. Ihr jn

Sonntag, 6. März 2011


3 wochen pause
verf. bittet um verständnis. er muss luftholen. in dringenden fällen:
0174 690 5063

Die Trommel schlägt zum Streite

Verbrauchertip: Günstiges Angebot    foto: musikkeller.de 
Der Nachschub an Verteidigungsministern ist anscheinend unerschöpflich, der an Freiwilligen für die Bundeswehr indes nicht. Militärs und Zeitungen machen sich Sorgen.Vorschlag: Man schicke wie schon 1618/1648 die Werber mit ihren Trommeln ins Land. Tusch!
Musikredaktionelle Anmerkung: Als Tusch boten sich drei Marschlieder an: Als erstes hstte ich, ich gestehe es, Tucholskys skandalumwitterte Trommel-Verse (20er Jahre, 20. Jahrhundert) im Ohr. Sie klingen noch heute hinreißend - vor allem, wenn Trude Hesterberg sie singt, aber sie stammen aus einem anderen Zeitalter und verbieten sich anno 2011 aus Rücksicht auf die Gefühle der Soldatinnen und der Soldaten der Bundeswehr, auf die Bürgerinnen und Bürger in Uniform. Andererseits ist das Volksliedgut Die Trommel schlug zum Streite himmelschreiend naiv. So sind denn die Würfel für den Deutschen Bauernkrieg von 1524 und auf Geyers Schwarzen Haufen gefallen.


Samstag, 5. März 2011

Neue Minister, neue Sitten

Morgenlektüre, 5. März 2011
Der Verteidigungsminister Thomas de Maizière versetzt Walter Otremba, den Staatssekretär seines Vorgängers K.Th.z.G., in den einstweiligen Ruhestand. Ein Affront? Begründung für einen neuen Zeitplan in Sachen Wehrreform: „Ich weiß um die Dringlichkeit dennoch: Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche.“ Klingt gut, nur das Wissen-drum-herum hätte schon der Philosophielehrer des Bonner Aloisiuskollegs seinem Zögling Thomas de M. austreiben sollen.
Ferner: Der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich widerspricht weiterhin dem Bundespräsidenten Christian Wulff und bekräftigt die eigene Überzeugung, die Ansicht, der Islam gehöre zu Deutschland, lasse sich „auch aus der Historie nirgends belegen“. Herr Friedrich hat da etwas im Geschichtsunterricht verpasst: Die Türken standen sowohl 1529 als auch 1683 vor Wien. Richtig ist, dass die Christenmenschen die Krieger Mohameds beide Male nach Hause gejagt haben. Jetzt sind die Türken trotzdem wieder da. Keine Historie?
Bescheidene Nachfrage. Was sagt die Bundeskanzlerin ihren Ministern? Sagt sie etwas?

Ansichten eines Kronzeugen

Ausstieg oder Nicht-Ausstieg: König Abdullah II. von Jordanien, Absolvent der Royal Military Academy Sandhurst, bringt seiner Schwester Iman im Jahr 2000 das Fallschirmspringen bei. Iman soll fit sein, wenn sie selber nach Sandhurst geht. foto: DVA
Ben Ali von Tunesien ist erledigt, Mubarak von Ägypten ebenfalls, der bluttriefende Gaddafi von Libyen lehnt sich noch gegen seinen Untergang auf. Was in Arabien demnächst auf dem Programm steht, weiß (vielleicht) Allah, sonst niemand.* In Amman, über dem die Haschemiten-Flagge weht (124 m über dem Wüstenboden), ist am ehesten zu wünschen, dass die Herrscher-Familie am Ruder bleibt. Sie bemüht sich nun schon in der vierten Generation, Vernunft walten zu lassen. Daran will sich König Abdullah II. halten. Anders als die meisten seiner Kollegen hat er auf der Stelle verstanden, was der Lärm vor seiner Tür bedeutete, und er hat die Regierung ausgewechselt. Mag sein, es klappt tatsächlich; so schön, dass sie bei annehmbarer Lage nicht verzichtbar wären, sind Revolutionen auch für Revolutionäre nicht. Die Flächenbrände nebenan zeigen es.
Am Montag erscheint die deutsche Übersetzung von Abdullahs Autobiographie. Der Titel: Die letzte Chance – Mein Kampf für Frieden im Nahen Osten (DVA, München, 448 S., 22,99 Euro). Ich habe das Buch nicht gerade mit brennender Neugier zur Hand genommen und bin überrascht. Selbstverständlich: Abdullah ist Partei – Partei nicht nur, was Israel angeht, sondern auch im Umgang mit Arabern; er nimmt politische Rücksichten; er will so glänzend wie möglich dastehen. Und: Jüngste Ereignisse lassen einiges in einem anderen Licht erscheinen. Doch dies alles hält sich in Grenzen, die angestrebte Vernunft schlägt durch, der Bekennermut ist erfreulich uneitel, und unterhaltsam ist das Ganze auch noch. Kurzum, Abdullahs Ton überzeugt.
Empfehlung: kaufen, lesen, Einsichten aus den Ansichten eines Kronzeugen gewinnen.
* Peter Scholl-Latour weiß es auch nicht.

Freitag, 4. März 2011



Courtesy
Falls Sie zufällig in Big Apple sind: http://content.standardculture.com/post/3579649068/the-series-v-sound-off

Mäzen beim Privatvergnügen*

Kurt A. Körber malt Rolf Italiaander
Foto: Katalog der Klebe-Ausstellung
Wer immer die Wertschätzung
des Industriellen und Mäzens
Kurt A. Körber gewann,
lief Gefahr, sich von ihm
malen lassen zu müssen.
Hier: Rolf Italiaander.

Rolf Italiaander?

Jahrgang 1913, Schriftsteller;
bekennender Schwuler, bevor
Wowereit und Westerwelle
in ihren zukunftsträchtigen
Windeln lagen; Afrika-Fan,
Leni Riefenstahl auf seine Weise;
rettete die Bibliothek des
Literarische-Welt-Herausgebers
Willy Haas vor den Nazis,
verfiel ihnen dennoch ob seiner
Leidenschaft fürs Segelfliegen


* Die handelnden Personen mit Ausnahme von Egon K.: siehe Wikipedia

Mittwoch, 2. März 2011

Merkels merklich flinke Entscheidung

Weil es ja auch um hochmögend Bayrisches geht: Was der CSU-Vorsitzende Seehofer ausgeplaudert hat, bevor die Kanzlerin, die sich mit der Entscheidung wirklich beeilt hat, dazu kam, das Wort zu ergreifen: "Innenminister Thomas de Maizière beerbt Karl-Theodor zu Guttenberg im Amt des Verteidigungsministers. An seiner Stelle übernimmt der CSU-Politiker und Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich das Innenressort..."

Das soll es sein?

                                       Sechs Köpfe, bayerisch   jn-foto
summa cum laude: Patrick Bahners über den Fall des Hauses Guttenberg
summa cum improbatione: der ungerügte unparlamentarische gemeinschaftliche Angriff des Abgeordneten Jürgen „Backpfeifengesicht“ Trittin und Kollegen auf den politischen  schon am Abgrund stehenden Minister K.Th.Frh.z.G. im Bundestag am 23. Februar 2011
Mit dem Ausdruck des Bedauerns
Das Backpfeifengesicht nehme ich mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück. Dass jeder, der 30.Lebensjahr vollendet habe, für sein Gesicht selber verantwortlich sei, ist eine unbewiesene Behauptung. Der Abgeordnete Jürgen T., geboren an 25. Juli 1954, wird allerdings in drei Jahren sechzig, und in diesem Alter sollte er sich Gedanken darüber machen, ob es eine angemessene Reaktion auf die Niederlage eines politischen Gegner sein kann, für die Kameras feixend und Hände reibend durch die  Gänge des Reichstags zu laufen.
Nebenbei: Der Eindruck, dass es früher im Parlament gesitteter zugegangen sei, ist falsch. Die politische Rede war in den Glanzzeiten von Franz Josef Strauß, Herbert Wehner und Helmut Schmidt zweifellos einfallreicher; zurückhaltender war sie gewiss nicht. Nicht weniger als eine Gipfelleistung gezirkelter Ironie war auch damals, was der Abgeordnete Herbert Wehner (SPD) gegen den Abgeordneten Karl Theodor zu Guttenberg den Älteren (CSU) an den Kopf warf, nämlich: Sie Herr, Sie!
Stichwort: Polemik